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Malia - wenn wir machtlos sind

Ich habe Mittwoch nachmittags immer frei. Meine Kinder und ich genießen diese Nachmittage, wir verbringen „Quality-Time“. Vergangene Woche aber konnte ich nicht genießen. Und das ist die Geschichte:

Montags in der Sprechstunde wurde uns eine Hündin vorgestellt, eine wunderschöne Ridgeback-Dame namens Malia. Sie war jung und in Besitz einer sehr netten, liebevollen Familie. Doch die Familie machte sich Sorgen um ihre hübsche Hündin – mit Recht, denn Malia hatte am Morgen begonnen zu erbrechen und es hörte nicht auf. Zudem schien sie schnell schwächer zu werden, also stellte die Familie sie in unserer Praxis vor.


Malia schwankte schon auffällig, als ihre Besitzer sie ins Wartezimmer führten. Wir untersuchten die Hündin eingehend und stellten eine leichte Kreislaufschwäche fest. Sie erbrach in der Praxis erneut zwei-, dreimal. Da unser Vorgehen nach einer Kaskade abläuft, war der wichtigste Punkt natürlich erst einmal die Stabilisierung und Notfallversorgung. Meine Kollegin legte einen Venenzugang und hängte Malia zunächst an eine Infusion, um den Kreislauf zu stabilisieren.


Als es ihr etwas besser ging, untersuchten wir sie gründlich von vorne nach hinten: Lunge, Herz, Bauch, Lymphknoten und so weiter. Doch wir konnten nichts feststellen. In unseren Köpfen rotierte es: Schwankender Gang und Schwäche gehört nicht ins Bild eines erbrechenden Hundes. Da musste mehr dahinter stecken. Eine Menge Möglichkeiten kamen uns in den Sinn: Vergiftung, Herz-, Leber- oder Nierenerkrankung, Problem mit dem Gehirn, Bandscheibenvorfall und andere Wirbelsäulen-Probleme, Tumor und Fremdkörper. Einiges konnten wir schnell ausschließen. Anderes mussten wir schrittweise abarbeiten. Wir begannen mit einer Blutuntersuchung, doch alle Organ- und Blut-Parameter waren komplett unauffällig. Die Untersuchung der Wirbelsäule ergab kein Hinweis auf Bandscheiben- oder sonstige Wirbelsäulenprobleme. Das anschließende Röntgen aber zeigte eine seltsame Struktur im Bereich des Bauches. War das ein Hinweis? Ein Fremdkörper vielleicht? Die Hoffnung stieg, dass wir hier helfen konnten. Wir behandelten Malia zunächst mit starken Medikamenten gegen das Erbrechen und schickten sie heim, um am nächsten Tag weitere Tests zu machen. Sollte sie trotz dieser Medikamente erbrechen, hatten wir einen starken Hinweis auf einen verschluckten Fremdkörper.

Tatsächlich halfen die Anti-Erbrechenmittel nicht und Malia erbrach weiter. Also steckten wir all unser Herzblut in die Suche nach einem vermeintlichen Fremdkörper, doch wir fanden – nichts. Unsere Stimmung war am Boden, wir wussten uns keinen Rat. Also taten wir das einzig richtige: Wir überwiesen Malia in eine renommierte Klinik. Die würden bestimmt wissen, was zu tun ist, so unsere Hoffnung. Wir erwarteten die rettende Idee und vor allem - ein Ergebnis.





Doch weit gefehlt: Die Klinik kam keinen Schritt weiter. Sie fertigten neue Röntgenbilder an, sie wiederholten den Ultraschall, nichts. Auch wir gingen all unsere Untersuchungen noch einmal durch und schlossen uns mit der Klinik kurz. Konnte es doch ein Fremdkörper sein? Oder eine Infektion des Nervensystems? Gemeinsam gingen wir unsere Ideen durch und die Klinik führte weitere Untersuchungen durch. Sogar eine Computertomographie und eine Hirnwasser-Untersuchung standen auf dem Plan. Aber es fand sich nichts.


Malia aber ging es schlechter und schlechter. Innerhalb der nächsten Nacht krampfte sie sogar und stellte auch das Fressen nahezu ein. Laufen konnte sie ebenfalls kaum noch. Die Besitzer liebten Malia so sehr und wollten auf keinen Fall aufgeben. Es half jedoch auch keinerlei Behandlungsversuch und mittlerweile hatten Klinikaufenthalt und Diagnostik schon mehrere Tausend Euro aufgefressen. Natürlich hätte es noch weitere aufwendige und Geld verzehrende Diagnostiken gegeben, doch Malia verlor mehr und mehr die Kraft, durchzuhalten und plötzlich war es Gewissheit: Die Besitzer würden Malia gehen lassen. Nicht für sich, nicht wegen des Geldes, sondern weil die Hündin litt. Und selbst wenn die Ursache – die weit mehr als ein Schnupfen war – gefunden würde, die Wahrscheinlichkeit einer Heilung rückte mehr und mehr in unerreichbare Ferne.

Malia war tot krank und die Chance, dass jemand ihr helfen könnte, ging schlicht gegen Null. Dennoch begehrte sich alles in mir auf, als ich von dieser anstehenden Entscheidung hörte. Ich hatte Malia tief ins Herz geschlossen. Ich zermarterte mir das Hirn, ob ich – ob wir alle – nicht irgendetwas übersehen hätten. Und am Ende war es unausweichlich: Malia wurde erlöst.


Es dauerte zwei Tage, bis dieser Druck im Bauch, weil wir – weil ich verloren hatte, etwas leichter wurde. Zwei Tage, in denen ich immer wieder grübelte und tieftraurig war. Ich kam mir vor wie der schlechteste Tierarzt der Welt, wie ein Versager. Und so sehr ich mir immer wieder vornehme, auf keinen Fall meine Patienten „mit nach Hause zu nehmen“, ich konnte selbst meinen Kindern zuliebe Malia nicht in der Praxis lassen.


Das alles ist schon einige Tage her. Ich habe den Fall und meinen Frust hinter mir gelassen. Doch sie sind die schlimmsten, diese tollen, süßen, netten Patienten, denen wir einfach nicht helfen können. Sie sind einer der Gründe, warum der Job als Tierarzt manchmal wirklich hart ist und sehr belastet. Jeder Patient, der auf diese Weise stirbt, sollte einen goldenen Stern im Boden unserer Praxis bekommen und uns dran erinnern, dass wir immer besser und besser werden müssen. Wäre Malia ein Mensch gewesen und hätte eine Krankenversicherung hinter der Diagnostik gestanden, wären wir vielleicht mit High End Diagnostik weiter gekommen, vielleicht aber auch nicht. Denn auch in der Humanmedizin gibt es eine Menge Fälle, die nicht gelöst werden können. Aber in der Stunde des Versagens denkt man als Tierarzt nicht daran.


Wir machen den besten Job, den wir können. Aber manchmal reicht es eben nicht. Wir für sie, unsere Patienten.

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