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Schöne neue Welt – ohne Tierärzte


 

Wir schreiben das Jahr 2033, es ist Dezember. Die Temperatur liegt weit unter Null Grad. Es fühlt sich an, als steuere die Welt auf eine neue Eiszeit zu. Ungewöhnlich zu Zeiten der Klimaerwärmung, aber passend zur Jahreszeit, denn es ist Heiligabend. Die Fenster der kleinen Stadt leuchten in gemütlichem Licht. Man sieht Familien am Esstisch oder in trauter Runde am Weihnachtsbaum. Die Häuser sind schön geschmückt. Lichterketten, Sterne und Rentiere leuchten um die Wette und bringen die Eiskristalle auf Grashalmen und Ästen zum Funkeln.


Die Straßen sind leergefegt, niemand möchte in der Eiseskälte raus. Nur ein einzelner Mensch ist unterwegs. Es ist der alte Herr Mollier mit seinem Hund Pauly, einem hochbeinigen Jack Russel Terrier. Die beiden sind immer um diese Zeit unterwegs, man kann die Uhr danach stellen. Sie sind nicht schnell, wackeln aber tapfer Abend für Abend die Straße entlang – einmal um den kleinen Park herum. Doch heute wird Herr Mollier nicht so weit kommen, denn er überquert die Straße genau fünf Meter weiter links als gestern. Und genau da, unter seinem Fuß, ist eine große Pfütze, fest zugefroren und total rutschig. Es passiert, was passieren muss: Herr Mollier rutscht aus und fällt hin. Die Leine rutscht ihm aus der Hand und Pauly läuft zunächst weiter, während sein Herrchen zappelnd am Straßenrand liegt. Als der Hund schließlich merkt, dass er die Leine hinterherzieht, dreht er um und möchte zu seinem Herrchen zurücklaufen – im fatal falschen Moment. Denn jetzt kommt ein Motorrad um die Ecke und fährt über Paulys Leine. Diese wird hochgeschleudert und wickelt sich kurzzeitig um das Lenkrad des Motorrads. Pauly wird brutal mitgerissen und einige Meter hinterhergeschliffen, bevor die Leine sich wieder löst und Pauly befreit. Der Motorradfahrer scheint nichts bemerkt zu haben und braust davon. Paul aber bleibt winselnd auf der Seite liegen.


Herr Mollier hat es mittlerweile geschafft, die alten Knochen zu sortieren und aufzustehen. Er hat nur ein paar blaue Flecken davon getragen und humpelt zu seinem Hündchen. Auch Pauly sitzt wieder aufrecht und wedelt seinem Herrn entgegen. Er sieht wild aus. Seine linke Seite ist aufgeschürft und er hält das linke Vorderfüßchen in der Luft. Herr Mollier heult auf, als er den elenden Zustand seines Hündchens sieht und nimmt Pauly sanft auf den Arm. Er humpelt nach Hause und greift nach seinem Telefon und dem alten Branchenbuch. Die nächsten 30 Minuten verbringt er damit, sämtliche Tierarztpraxen durchzutelefonieren, die im einigermaßen erreichbaren Umkreis aufgelistet sind. Vergebens, denn vier der fünf der Praxen existieren nicht mehr. Lediglich unter einer Nummer springt ein Anrufbeantworter an, der verkündet, dass man außerhalb der Sprechzeiten anrufe, die von 09:00 bis 16:00 Uhr gehen. Eine Notfallnummer ist nicht angegeben, dafür aber eine Internet-Adresse, unter der man mittels Telemedizin geholfen bekommen kann. Doch Herr Mollier hat kein Internet. Seit 40 Jahren hat er nicht mehr geweint. Doch nun laufen ihm Tränen die faltigen Wangen herunter. Sein ganzer Körper schmerzt und noch mehr schmerzt ihn das leichte Winseln seines Hundes. Er könnte eins seiner Kinder anrufen, die ihn erst übermorgen besuchen werden. Aber sie wohnen mehrere Hundert Kilometer weg und können auch nicht helfen. Herr Mollier zerbricht sich den Kopf, eigentlich aber kennt er die Lösung schon, obwohl sie ihm widerstrebt. Doch schließlich rafft er sich auf und humpelt an die Haustüre. Er geht die wenigen Meter zur Nachbartür und drückt zaghaft auf den Klingelklopf. Ein lautes Klingeln ertönt und gleich darauf ein lautes Gekläff, als Labrador Judy zur Türe rennt, um den Gast zu begrüßen. Kurz darauf öffnet sich die Tür und ein hoch gewachsener Mann füllt den Türrahmen aus. Gleich darauf quetschen sich noch zwei kleine Kindergesichter zwischen seinen Beinen durch und buhlen mit dem schokofarbenen Labrador um den besten Platz.



Familie Marks lebt schon viele Jahre neben Herrn Mollier, doch bisher hatte man bis auf ein freundliches GUTEN TAG keinen Kontakt. Herr Mollier beschwerte sich zwar nicht über die Kinder, zeigte jedoch deutlich, dass er keinen näheren Kontakt zu seinen Nachbarn haben möchte. Selbst angebotene Hilfe lehnte er freundlich, aber kategorisch ab. Umso erstaunter registriert Herr Marks den erbarmungswürdigen Zustand des alten Mannes und bittet ihn herein. Zögernd betritt Herr Mollier das warme Haus und es ist ihm peinlich, das Wohnzimmer mit den Fluten an zerrissenem Geschenkpapier zu betreten. Er weiß, dass er mitten in der Bescherung stört. Doch niemand vermittelt ihm den Eindruck, dass er wirklich stört. Alle sind nur besorgt und schnell hat er zwei Kinder nah bei sich, die ihm tröstend über den Arm streicheln. Frau Marks bringt Herrn Mollier ein Glas Wasser und nach ein paar Schluck kann er endlich seine Geschichte erzählen. Sofort geht der Familienvater mit Herrn Mollier zurück in dessen Wohnung, um das verletzte Hündchen ins Haus der Familie Marks zu holen, denn diese hat Internet.

Pauly scheint es schon etwas besser zu gehen. Munter schleckt er seinem Herrn das Gesicht und begrüßt auch die Kinder freundlich. Doch nach wie vor belastet er das linke Vorderbeinchen nicht, winselt bei Berührung und die aufgeschürfte Seite sieht böse aus, kleine Steinchen sitzen überall unter der Haut. Kurze Zeit später sitzt die ganze Mannschaft vor einem großen Bildschirm und Herr Marks wählt den Tele-Tierarzt an. Auf dem Bildschirm erscheint eine freundliches KI, die nach dem Anliegen fragt. „Sprechen Sie Ihr Problem in deutlichen Schlüsselwörtern in der Lautsprecher“, fordert sie Herrn Mollier auf. Der spricht unsicher los: „Mein Hund ist gefallen, nein, gerutscht, also er wurde geschliffen.“ Die KI antwortet prompt: „Das Schleifen der Krallen ist kein Notfall, bitte wenden Sie sich am nächsten Werktag an Ihren Tierarzt vor Ort.“ Sofort ist die Leitung geschlossen. „Bewerten Sie diesen Service“ erscheint nun auf dem Bildschirm, daneben ein Lach- und eine Trauer-Smiley. Herr Mollier schlägt die Hände vors Gesicht. Doch Herr Marks beruhigt ihn: „Lassen Sie mich mal!“ Er wählt erneut die Notfallnummer und spricht nach der schon gehörten Ansage laut und deutlich: „Unfall, großflächige Verletzung der Haut, Lahmheit, vielleicht Beinbruch.“ Diesmal antwortet die KI: „Für Hautverletzungen brauchen Sie das Kit „Verletzung I oder II“, für Lahmheit das Kit „Ortho I, II oder III“. Haben Sie diese vorliegen?“, fragt die KI. „Nein“, antwortet Herr Marks. „Welche Kits liegen Ihnen vor?“, fragt KI nun. „Wovon bitte redet diese Lady?“, fragt Herr Mollier. Schnell erklärt ihm Herr Marks, dass es schon seit Jahren einen absoluten Tierärzte-Mangel gibt. Seit die Regierung beschlossen hat, die 2022 revolutionäre GOT zurückzunehmen und Tierärzte unter Staatskontrolle zu stellen, ist der Job nicht mehr sehr beliebt. Um den Tierärztemangel zu kompensieren, kann man in Online-Shops Selbsthilfe-Kits kaufen. Davon gibt es über 500 Stück, auf dem Deckel eines jeden Kits steht ein Code, unter dem man online eine Anleitung und Hilfestellung per KI bekommt. „Und haben Sie so ein Kit?“, fragt Herr Mollier flehend. „Irgendwo müssten wir noch ein oder zwei haben“, sagt Frau Marks nachdenklich und verlässt den Raum, um zu holen, was da ist. Herr Marks erklärt weiter, dass man als Tierbesitzer mittlerweile beinahe alles selbst machen können mit dem richtigen Kit. „Sogar kleine Operationen kann man durchführen, wenn es nötig ist. Im Netz werden die Kits auch gern als McGyver-Sets bezeichnet“, lacht Herr Marks. Herr Mollier lächelt, während die Kids um ihn herumhüpfen und fragen: „Was ist ein Mäck Geifer?“ Lächelnd kitzelt Herr Marks seine Kinder durch und setzt sie dann vor den Fernseher und macht ihnen eine Zeichentricksendung mit ADHS-verdächtigen Zeichentrickfiguren an.



Endlich kommt Frau Marks aus dem Keller zurück – unter dem Arm vier Kisten. „Ich habe hier „“, „HNO III“„Otitis I“, „Ultraschall Mini“ und „Kastration I Kater“, liest Frau Marks vor und wundert sich, dass niemand etwas sagt. Sie blickt auf und sieht den ungläubigen Blick ihres Mannes: „Kastration Kater“? Echt jetzt?“ Herr Marks schüttelt den Kopf und lacht. Frau Marks zuckt mit den Schultern und grinst verlegen. „Ich hab es ja nicht gemacht“, schmunzelt sie, „zum Glück haben wir ja doch noch einen Termin bei Dr. Wenig bekommen!“ „Ja, Glück für den Kater“, murmelt Herr Marks. „Nun gut“, sagt er dann lauter, „schauen wir, ob wir so weiter kommen.“ Er reaktiviert die KI und liest deutlich vor, welche TÄ-Kits ihnen zur Verfügung stehen. Eine Weile rechnet die KI und Herr Marks bildet sich ein, sie leise seufzen zu hören. Aber das kann ja nicht sein, oder. Schließlich gibt sie Anleitung, welche Requisiten die Familie aus den verschiedenen Kisten zusammensuchen soll. Mit Hilfe der Pinzette aus dem Kastra-Set, des Ohrreinigers und der Entzündungslösung aus dem Otitis-Kit ist die Hautwunde bald versorgt und das Schmerzmittel aus dem Kastrations-Set sorgt dafür, dass es Pauly schon sichtbar besser geht. Doch nun steht die schlimmste Aufgabe bevor: das Beinchen, dass mittlerweile schon recht angeschwollen ist. Erneut befragt Herr Marks die KI. Doch da die Familie weder das Kit „X-Ray Brille“, noch das Set „Osteosynthese VI“  besitzt - und sich da auch nicht herangetraut hätten wegen der Warnschilder „NUR FÜR PROFIS, also Heilberufe ab Heilpraktiker aufwärts“, mussten sie improvisieren. Beim Abtasten des Beins stellt sich schnell heraus, dass mindestens ein Unterarmknochen des armen Pauly gebrochen ist. Die KI schlägt nun vor, mit Hilfe der Narkosespritze für Kater den Hund zu sedieren – für mehr reicht die Menge leider nicht. Im Anschluss sollten sie Pauly mit Hilfe des Gaffertapes, das im Kater-Kastrations-Set zum Fixieren der Hoden vor dem Ansetzen bereit liegt, an den Tisch kleben und das Beinchen vorsichtig strecken. Im Kit HNO befindet sich ein Holzspatel, mit dessen Hilfe man zusammen mit dem Katheter im Blasenset und dem Rest des Gaffer eine prima Schiene basteln kann.



„Das klingt doch gar nicht schlecht“, seufzt Herr Marks und auch Herr Mollier scheint erleichtert. Weiß er doch jetzt, dass es seinem Schatz bald wieder gut gehen wird. Die Kinder sagen nichts mehr, denn der elektronische Babysitter tut seine Arbeit. Doch plötzlich wird es still im Raum. Niemand sagt etwas. Herr Mollier schaut sich verwirrt um. „Was ist los?“, fragt er. „Wer gibt Pauly die Spritze?“ fragt Frau Marks. „Ich auf keinen Fall!“ „Ey, du wolltest unseren Kater kastrieren“, merkt Herr Marks an. „Wie hast du dir das vorgestellt? Mit dem Holzhammer?“ Frau Marks wird rot. „Naja, da …äh… das hab ich wohl nicht ganz durchdacht“, gibt sie zu. Da springt eins der Mädchen auf. „Ich mach das“, ruft sie. Die Kleine ist ca. acht Jahre alt. „Du?“, fragen Herr und Frau Marks im Chor. „Klar“, sagt die Kleine keck, „das hab ich letzte Woche auch beim Kaninchen von Frau Weiler gemacht, als sie ihm das abgebrochene Schneidezähnen herausgebohrt hat.“ Sie zuckt mit den Schultern, ergreift die Spritze und setzt sie zielsicher in den Muskel am Hinterbein. „Hab ich mir auf einem Youtube Video beigebracht“, sagt sie nüchtern und geht zurück zu ihrer Schwester und den Fernseher. Die drei Erwachsenen sehen sich an, schütteln den Kopf und fangen plötzlich alle drei an lauthals zu lachen. Das löst die Spannung und Herr Mollier legt mit Hilfe von Frau Marks einen schicken Verband an Paulys Beinchen an. Die KI rät dazu, das Bein nach den Feiertagen noch röntgen zu lassen, falls doch eine OP fällig ist. Sollte dafür kein Tierarzt verfügbar sein, schlägt sie das Kit „Osteosynthese III“ zu nehmen, da die selbstklebenden Titanplatten genau die richtige Größe haben für einen Bruch von Radius oder Ulna bei JRTs. Als im Nachhinein die Rechnung auf dem Bildschirm erscheint, schluckt Herr Mollier. 985 Euro kostet der Online-Dienst, dafür gibt es aber einen Kit „Diarrhoe V Geruchsanalyse“ im Wert von 50 Euro kostenlos dazu. Herr Marks bezahlt mit seiner Touchless-Creditcard direkt über den Bildschirm und sieht das besorgte Gesicht des alten Herrn. „Keine Sorge“, beruhigt Herr Marks ihn, „zahlen Sie es in Raten zurück ,so wie Sie können!“ Kleinlaut, aber erleichtert bedankt sich Herr Mollier.



„Jetzt aber erst einmal ein Schnäpschen“, schlägt Herr Marks vor und Frau Marks und Herr Mollier sind sofort einverstanden. Die Kindersendung ist auch zu Ende und die Kids bekommen einen „Kinderschnaps“ – einen Schluck Apfelsaft im Schnapsgläschen. Alle sitzen in gemütlicher Runde, es wird gelacht und die Ereignisse des Abends noch einmal auf- und damit verarbeitet. Herr Mollier schaut von einem zum anderen und ist so glücklich wie lange nicht. Er weiß: Er hat neue Freunde gewonnen. Dann sieht er das kecke, mutige Mädchen, dass seinem Pauly, der die Augen schon wieder öffnet, wenn auch noch etwas verschlafen, so professionell die Spritze gesetzt hat. „Mensch, Kind“ sagt er, „das hast du so toll gemacht mit der Spritze. Du hast wirklich Talent. Vielleicht solltest Du Medizin studieren und eine berühmte Chirurgin werden!“ „Nö“, sagt die Kleine selbstsicher, „ich werde auf jeden Fall Tierärztin!“ Man hört das Geräusch von zerbrechendem Glas, als Herrn und Frau Marks gleichzeitig ihre Schnapsgläer aus der Hand fallen und am gefliesten Boden zerschellen. Ihr Schrei zerreißt in perfektem Duett die Stille: „Neeeeeeiiiiiiiiinnnnnn…

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