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Wir hätten ihn retten können… die drei Weihnachtsgeister

Ich muss gestehen: Auch wenn ich immer dachte, ich bin ne coole Socke – der Grund für diesen Artikel belastet mich von Jahr zu Jahr mehr und die Patienten, um die es geht, „geistern“ mir alle auch nach Jahren noch im Kopf herum. Die Rede ist von Patienten, die einfach viel zu spät zu uns gebracht werden.


Und der Grund ist keineswegs nur das Geld, sondern einerseits Unachtsamkeit, Gedankenlosigkeit und fehlende Prioritäten, auf der anderen Seite medialer Einfluss, Besserwisser und Dr. Google. „Tierärzte versuchen, Ihnen Untersuchungen auszuschwatzen, die nicht nötig sind, weil es ihnen nur ums Geld geht“ heißt es da oder: „Jährliche Impfungen (oder Impfungen überhaupt) sind unnötig (und natürlich auch nur Geldmacherei)“… und für Wurmkuren gilt natürlich dasselbe. Nahezu jeder Autobesitzer bringt sein Auto jährlich oder öfter zur Inspektion (und bezahlt dafür ohne mit der Wimper zu zucken mehrere hundert Euro). Okay, zugegeben: Da leuchtet ja dann heutzutage auch eine Warnmeldung auf und schlaue Autohersteller haben sogar einen Mechanismus eingebaut, der sagt: Wenn die Inspektion nicht innerhalb von 100 km durchgeführt wird, wird Ihr Auto nicht mehr starten. Ja, ich gebe zu: Ich würde gern unseren Patienten auch so ein Warnlicht einbauen. Etwa nach dem Motto: „Wenn Sie in den nächsten 5 Tagen mit Ihrem Hund nicht zum Jahrescheck gehen, wird er pausenlos heulen wie eine Sirene.“ Oder: „Wenn Sie die Untersuchung für Ihre Katze verpassen, wird sie alle Haare verlieren.“ Schade, dass das nicht geht. Aber ich schweife ab.


Eigentlich geht es ja ums zu spät kommen. Und hierzu möchte ich Ihnen gerne drei Geschichten erzählen. Und passend zur Weihnachtszeit geht es um drei Geister: der eine ist aus der Vergangenheit, einer aus der Gegenwart und naja, eher keiner aus der Zukunft, sondern vielmehr einer, für den es keine Zukunft mehr gab.

Der erste Fall liegt tatsächlich schon Jahre zurück. Damals war ich noch recht unerfahren und es hat mich einige Tage aus den Socken gehauen. Es ging um eine Katze. Sie gehörte einer älteren Dame, die damit angab, dass sie schon 15 Katzen hatte und nie zum Tierarzt musste. Und ihre Katzen seien dennoch alle alt geworden – auch ohne unsinnige Impfungen. Doch heute bräuchte sie meinen Rat. Als ich den Korb öffnete, kriegte ich kurz keine Luft. Und das lag nicht nur an dem unglaublich schlimmen Mundgeruch, der der Katze entströmte. Vielmehr fand ich ein abgemagertes Häufchen Elend vor, das grad noch etwas Fell auf Knochen hatte. Die Augen lagen tief und Eiter lief aus den Höhlen. Entsetzt fragte ich, wie lange die Katze schon in diesem Zustand sei. „Ja,“ sagte die Dame „Erst seit ein paar Tagen hat sie so stark abgenommen.“ Ich kam nicht umhin, ihr zu sagen, dass es besser gewesen wäre, etwas früher zu kommen. Natürlich war die Antwort pikiert… Fakt war am Ende jedenfalls, dass die Katze eine schlimme Schilddrüsenüberfunktion hatte, die – lange genug ignoriert – zu starkem Unwohlsein und zu Abmagerung führt. Normalerweise ist das sehr leicht zu behandeln. Doch diese Katze war schon so lange krank, dass ihr Herz ebenso geschädigt war wie ihre Nieren. Ich konnte sie nur noch erlösen…


Der zweite Fall liegt erst ein paar Stunden in der Vergangenheit und diesmal geht es um einen Hund. Auch dieser war sehr lange nicht beim Tierarzt gewesen. Nun kam er als Notfall wegen seltsamer Atmung und Appetitlosigkeit. Es war zwei Wochen bei den Eltern gewesen und niemand hatte etwas bemerkt. Ich aber sah es sofort: dieser Hund atmete nicht nur komisch, er rang um Luft und drohte zu ersticken. Die Ursache war eine unerkannte Herzerkrankung, die schon so lange bestand, dass die Lunge des armen Hundes voller Wasser war. Wir versorgten ihn sofort intensivmedizinisch, verloren ihn aber leider einige Stunde nach Aufnahme. Hätten wir die Chance gehabt, in den letzten Monaten nur einmal aufs Herz zu hören, hätten wir das Problem sicher erkannt und hätten helfen können – rechtzeitig.

Der dritte Fall betrifft also die Zukunft… die, die der kleine Hund, um den es hier geht, nicht mehr hat. Es ging um Joey, einen gerade mal acht Monate alten Hund. Er kam noch recht munter in die Praxis. Allerdings fiel der recht große Bauch auf. Die Besitzer erzählten, dass er in den letzten Tagen schnell dicker geworden wäre, obwohl er deutlich weniger frisst als vorher. Wir fragten den üblichen Vorbericht ab und erfuhren, dass der Hund noch nie entwurm worden war. Die „Züchterin“ hatte den gutgläubigen Käufern erzählt, dass das Quatsch und Geldmache sei. Nach dem Kotabsatz gefragt erzählten die Besitzer, dass er sich schon sehr oft entleeren würde. Dafür könne er frei in den Garten laufen. Ob auch wirklich etwas rausgekommen wäre? Das wüssten sie nicht so genau. Im Röntgen fiel bereits auf, dass da absolut etwas nicht in Ordnung war. Also machten wir eine Probelaparatomie. Das heißt, wir öffneten die Bauchhöhle, um zu schauen, was da im Bauch nicht in Ordnung war. Es stellte sich heraus, dass der arme Kerl einen Darmverschluss hatte, und zwar aufgrund von Spulwürmern, die in so großer Zahl vorhanden waren, dass Futter den Darm nicht mehr passieren konnte. Die Operation war erfolgreich. Leider verloren wir den Schatz einige Tage später aufgrund der Blutvergiftung, die die lange Verstopfung mit sich gebracht hatte…

Drei Fälle in 15 Jahren Praxis klingt nicht viel, oder? Was nun aber, wenn ich Ihnen erzähle, dass wir ca. sechs bis zehn Mal pro Jahr solche Fälle haben? Mal sind sie mehr, mal weniger schlimm. Mal können wir noch etwas tun, mal nicht. Fakt ist aber, dass in den meisten Fällen ein rechtzeitiges Eingreifen die Ausgangssituation deutlich verbessert hätte. Und Fakt ist auch, dass Tierärzten wie mir diese immer wieder vorkommenden Fälle das Herz zerreißen und uns psychisch sehr belasten.

Und obwohl wir versuchen aufzuklären hören wir sie immer wieder, die Meinungen, die sich unglaublich hartnäckig halten: Eine Blutuntersuchung ist unnötig, da man ja sieht, ob ein Hund gesund ist? Falsch… im Blut entdecken wir viele Erkrankungen bevor man dem Tier überhaupt etwas anmerkt – eben rechtzeitig, bevor es unseren Patienten schlecht geht. Merken es die Besitzer bereits, sind Erkrankungen der Nieren, des Herzens oder der Leber nur noch schwer in den Griff zu kriegen. Und das Tier hat allemal schon seine Weile unter Unwohlsein gelitten. Eine Katze, die noch frisst, hat keine Schmerzen? Weit gefehlt, denn sie fressen, bis nichts mehr geht… Dass sie Schmerzen hatte, merkt man erst, wenn man den Unterscheid nach einer entsprechenden Therapie betrachtet.

Tja, und am Ende möchte ich deshalb eine Lanze für Vorsorgeuntersuchungen brechen: Sie kosten keine Hunderte von Euro und sind sehr sinnvoll – für die Gesundheit Ihres Tieres und natürlich für Sie, damit Sie Ihren tierischen Partner möglichst lange an ihrer Seite haben. Ein kleiner Schritt für Sie, ein großer für Ihren Liebling. In diesem Sinne: frohe Weihnachten!


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